Opa-Schantle

60 Jahre geschätzt

Das erste Objekt, welches wir Euch vorstellen möchten befindet sich schon seit seiner Entstehung in unserer Sammlung. Dieser Schantle ist eines unserer Lieblingsstücke.

Entstanden ist der Schantle 1960, wobei die Larve bereits 1948 entstand. Die Larve wurde von Schreinermeister Johannes „Hans“ Haibt (1908-1985) geschnitzt und von Kunstmaler Karl Fuoss (1888-1973) gekonnt gefasst. Haibt orientierte sich dabei an alten Schantlelarven aus der Zeit um 1900 und blieb somit ganz in der Tradition der „lieblichen“ Schantlelarven Oberndorfs. Der Auftraggeber konnte sich noch daran erinnern, dass er und Hans Haibt sich zu dieser Zeit ein gemeinsames Hobby teilten und er somit das schöne Stück für einen Freundschaftspreis von 20 D-Mark erwerben durfte, was 2020 einem Geldwert von etwa 105,00 € entspräche.




 

Karl Fuoss fasste diese Larve ganz im Stile der Zeit in einem braun-gebrannten Hautton- Interessanterweise betonte er auch einen Krater, welchen Haibt auf dem Nasenrücken absichtlich oder unabsichtlich hinterlassen hatte, was der Larve noch mehr Individualität verleiht.

Das Kleidle wurde von Hermine Schüle (1893-1977) genäht, welche eine Enkelin des Schneidermeisters Schöninger war. Betrachtet man die Aufnahmen um 1960 muss es sich um einen der ersten Schantle der modernen Filz-Machart handeln. Für einen Schüle-Schantle dieser Zeit besitzt er zudem eine besonders hochwertige Verarbeitung was zeigt, dass sich der Auftraggeber den Schantle durchaus etwas hat kosten lassen. 

 

Zurzeit (2021) befinden sich Larve und Kleidle in unserer Restaurierungs-Werkstatt um die Abnutzung und Schäden der vergangenen 61 Jahren zu behandeln. Kleinere Löcher werden geflickt und Lücken der Fassung an Nasenlöchern und Lippen versiegelt um die Feuchtigkeit, welche ins Holz eindringt und die Fassung absprengt, aufzuhalten. Somit ist er am Ende dieser Maßnahmen gerüstet für weitere 60 Jahre Narrensprung und Aufsagen.

Herzliche Grüße 

Euer Kulturschatz-Team 

Der Haibt-Hansel

Ein Klassiker

Das nächste Stück, das wir euch präsentieren dürfen befindet sich seit seiner Entstehung im Kulturschatz. Ein Klassischer Hansel der 1960er Jahre. Hergestellt von 2 der besten Fasnet-Handwerkern ihrer Zeit: Dem Hobby-Schnitzer Johannes „Hans“ Haibt (1908-1985) und dem Kunstmaler Karl Fuoss (1888-1973).
 

Der Hansel entstand ca. 1963 bis 1965, als Kommunionsgeschenk und wurde seither immer wieder gerne getragen. Die Original Perücke ist leider nicht mehr vorhanden. Sie war zu stark beschädigt, sodass man sich in den 1990ern dazu entschied sie zu entsorgen und gegen ein neues Exemplar zu tauschen. 



 

 


Haibt verstand es hier, wie auch in seinen anderen Narro- und Hansellarven bis zuletzt, einen wunderbaren Ausdruck einzufangen. Die 1950er und 1960er Jahren waren seine qualitative Höchstphase. Auch wenn mit hohem Alter die Kräfte schwanden und seine Larven zu Beginn der 1980er immer schlichter in der Ausarbeitung wurden, verstand er es meisterlich, einen gelungenen Ausdruck zu fabrizieren. Das macht ihn zu einem der besten Fasnet-Handwerkern Oberndorfs. Karl Fuoss fasste sie anschließend, wie von ihm gewohnt, meisterhaft. Die Augenbrauenform die Fuoss hier wählte, weicht etwas von seiner üblichen Herangehensweise ab und macht die Hansellarve so zu einem besonderen Exemplar.
 

Hier lässt sich auch die heutige Fehlinterpretation der modernen Oberndorfer Fassungen verdeutlichen. Der originale Farbton war ein sehr heller Hautton, was einige Stellen ohne Lack und alte Aufnahmen verdeutlichen. Der aufgetragene Lack vergilbte mit der Zeit recht stark, so entstand ein gelblicher Farbton. Moderne Fassmaler interpretieren diesen gelblichen Farbton heute als „typisch Oberndorferisch“ und fassen die neuen Larven mit eben dieser Farbgebung, wobei sie durch die Kunstharzfarben und chemisch hergestellten Pigmente deutlich künstlicher wirken. 

 

 

Das Kleidle hat schon die damals aufkommenden Farben Orange und Braun, der Hersteller ist leider unbekannt. (Zu den Hanselfarben werden wir noch einen gesonderten Beitrag einstellen).

Auf einer frühen Aufnahme sehen wir den kompletten Hansel mit einer Brezelstange. Dies ist kein Fehler und war zur damaligen Zeit in den 1970ern noch gängige Praxis wurde aber vom Elferrat bis spätestens 1978 zur Einführung der Abnahme verdrängt und ist heute durch den Rat verboten.

Gerade die Larve bildet mit ihrer Farbgebung, Ausdruck und Gestaltung einen sehr typischen Vertreter der Oberndorfer Larvenschnitzkunst, sehr schade also, dass sich die meisten heutigen Schnitzer nicht mehr an solchen Larven orientieren.

Herzliche Grüße

Euer Kulturschatz-Team 

Oberndorfer Ölmüller

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Ölmüller- An diesem Namen kommt man nicht vorbei, befasst man sich mit den bedeutendsten Larvenschnitzer der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Kaum ein anderer Larvenschnitzer ist so viel beforscht und interpretiert worden wie er.

Dominikus Ackermann (1779-1836), wie der Ölmüller mit bürgerlichem Namen hieß war Betreiber der Villinger Ölmühle, woher auch sein Spitzname stammt. Als Angehöriger des neuen aufstrebenden Bürgertums strebte er nach Wissen und künstlerischen Entfaltung. So soll er auch rege Kontakte zum Hüfinger Künstlerkreis unterhalten haben. Seine Larven sind handwerklich und künstlerisch so hochwertig, dass sie in einem Atemzug mit den Werken der großen Bildhauer jener Zeit genannt werden können, Antonio Canova (1757-1822) oder Bertel Thorwaldsen (1770-1851), aber auch in Werken Leonardo Da Vincis kann man Parallelen entdecken.

Seine Larven blieben nicht in seiner Heimatstadt Villingen. Auf der ganzen Baar und teilweise darüber hinaus sind sie anzutreffen. So hat es vermutlich auch Exemplare nach Rottweil und Oberndorf verschlagen. Etwa 30 Larven sind heute von ihm bekannt.

2018 tauchte auf einem Dachboden am Rande Oberndorfs eine alte Larve auf. Der Besitzer hatte wenig Interesse daran, wollte sie aber in guten Händen wissen, so brachte er sie zu uns. Eine erste Begutachtung zeigte eine Villinger Handschrift. Da wir keinen Villinger Experten in unseren Reihen haben wurde sie einigen Fachleuten in der alten Zähringerstadt vorgelegt, welche recht schnell zu einem Ergebnis kamen: Ölmüller! Der direkte Vergleich mit seinen anderen Larven zeigt eindeutige Handschriften und Merkmale welche sich durch seine, teils sehr unterschiedlichen Larven, durchziehen.

Es scheint sich hierbei um ein sehr frühes Werk zu handeln, einige spätere Ausdrucksweisen sind hier nur angedeutet oder fehlen, andere sind vorhanden. Schnitzspuren an den Schläfen deuten zudem auf ein unvollendetes Werk hin, welches leider auch durch spätere Besitzer leicht nachgearbeitet wurde. Trotz dieser Tatsachen kann sie sehr wohl mit der Ausdruckskraft spätere Werke mithalten, es zeigt sich, dass der Ölmüller einfach ein gebildeter und begnadeter Bildhauer war, welcher das künstlerische Ideal seiner Zeit einzufangen verstand.

Die Fassung wurde in unserer Werkstatt nicht verändert, lediglich gesichert und vor Wassereinbrüchen geschützt. Sie weist eine einzigartige Oberndorfer Handschrift auf. 

So konnte sie nach Jahrzehntelangem Dornröschenschlaf wieder erweckt werden und nimmt seither regelmäßig bei geeignetem Wetter am Narrensprung teil. 

Herzliche Grüße

Euer Kulturschatz-Team

 

 

Buchbepper Hansel

Aus Meisterhand

Einen majestätischen Vertreter der Gattung „Oberndorfer Hansel“ dürfen wir Euch heute vorstellen.

Der „Buchbepper“ verdankt seinen Namen der Familie, die ihn einst besaß: Buchbindermeister Andreas Rinker und seine Familie waren der Oberndorfer Fasnet zugetan und fertigten unzählige Narro- und Schantlehüte. Aus seinem Besitz stammt diese Larve. Von einigen wurde Rinker liebevoll „de Buchbepper“ (zu Deutsch Buchkleber) genannt.

Die Larve wird von der Familie Rinker auf „um 1900“ datiert. Eine Signatur ist nicht vorhanden, jedoch weisen einige Argumente und der Stilvergleich auf die Werkstatt des Oberndorfer Bildhauers Max Schönhar (1887-1972) hin. Gut möglich, dass es sich dabei um ein Frühwerk des Bildhauers handelt, welches wir auf 1900-1920 datieren.

Max Schönhar eröffnete kurz nach dem ersten Weltkrieg ein eigenes Atelier in Oberndorf, nachdem er sich in den Kunstakademien in München und Stuttgart fortgebildet hatte. Zudem war er Betreiber des Café Seidel im Tal.

Interessant ist, dass sich Schönhar bei dieser Larve an Werken des berühmten Bildschnitzers und Bildhauers Tilman Riemenschneider (1460-1531) inspirieren ließ. Dies sorgt für den kraftvollen, herben Ausdruck, welcher der Larve eigen ist. 

Das besondere und zugleich kuriose an dieser Larve ist: Sie war bis 2022 eine reine Dekorationslarve. Lediglich 2 Löcher zur Wandbefestigung waren vorhanden. Die ausgeprägte Patina, scheint das Ergebnis einer misslungenen beschleunigten Trocknung auf dem Ofen gewesen zu sein, davon zeugen Blasen in der Innenbemalung.

Im Zuge der Schließung des Schreibwarengeschäfts Rinker (1906-2020) wurde dieses großartige Exemplar Oberndorfer Larvenschnitzkunst verkauft. Der Oberndorfer Kulturschatz erhielt den Zuschlag aufgrund dessen, dass diese Larve damit nicht im Schrank oder einer Sammlerwand verschwindet, sondern der Öffentlichkeit auch aktiv an der Fasnet präsentiert wird, was uns 2022 zum freien Narrensprung gelang.

Herzliche Grüße

Euer Kulturschatz-Team

 

 

Schreinerscheme 

120 Jahre daneben 

2020 wurde uns eine alte Scheme angeboten. Diese wurde auf dem Dachboden des Großvaters der Verkäuferin gefunden, welcher einst in Triberg lebte. 

Die Larve wurde eingehend untersucht und einige Übermalungen entdeckt. Eine Probefreilegung brachte aber vor allem eines zum Vorschein: Reste einer ursprünglichen Ölfassung sind noch vorhanden. Wir entschieden uns die späteren Übermalungen zu entfernen. 

Bis zu 3mm Farbe hatten sich in Falten und Grübchen angestaut und damit die feine schnitzerische Handschrift überlagert. Das Ergebnis der Freilegung war sensationell: Eine historische Villinger Fassung kam zum Vorschein, welche noch zu 90% vorhanden war! 



 

Einige Villinger Experten wurden zur Expertise zu Rate gezogen. Man war sich schnell einig, dass die Handschrift, sowohl im schnitzerischen als auch im fasstechnischen Bereich auf eine Entstehung im Rokoko (um 1750) hindeuten. Das Fasszeichen warf jedoch einige Fragen auf: Es wirkt zu modern für Rokoko und es liegt für diese Art von Zeichen in verkehrter Richtung. 

Diese Zweifel brachten uns zum Entschluss, die Scheme wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Sie wurde mittels IR-Spektroskopischer Datierung durch das Wissenschaftliche Laboratorium des Museo d’Arte e Scienza, Außenstelle Deutschland auf das Jahr 1870 (+/- 40) datiert. 


 Somit stand fest, dass es sich dabei um eine spätere Kopie oder Nachempfindung einer Rokokoscheme handelt. Die Scheme konnte bisher keinem der bekannten Bildhauer Villingens zugeordnet werden. Sie scheint das Werk eines, nicht untalentierten, Laien zu sein, möglicherweise ein Schreiner, welcher zwar kein Bildhauer, aber durchaus geübt mit dem Schnitzmesser war. 

Um die Restaurierungen abzuschließen wurden die meisten Fehlstellen der Fassung aufgefüllt (Retusche) die Scheme mit einem Schellack versehen und ein passendes Kranzhaar angebracht. Somit wäre sie wieder bereit um einmal an der Villinger Fasnet teilzunehmen… 

Herzliche Grüße

Euer Kulturschatz-Team